Was ich aus dem ersten Unterrichtsversuch mitnahm
Nach meinem ersten Unterrichtsversuch wurde mir klar: Es reicht vielleicht nicht, nur eine Geschichte zu erzählen und die Kinder mit Fragen und Antworten an das Thema Wiederbewaldung heranzuführen. Zumindest nicht, wenn das Wissen wirklich im Gedächtnis bleiben soll.
Die Nachhaltigkeitsreihe von Narratelica ist aus dem Wunsch entstanden, Leserinnen, Leser und Zuschauer in einer angenehmen, sicheren und warmen Atmosphäre lernen zu lassen. Wissen darf sich langsam setzen.
Deshalb arbeiten wir weder mit schockierenden Bildern noch mit aufwühlenden Videos. Kinder sollen sich nicht nur deshalb an Umweltthemen erinnern, weil sie ihnen Angst gemacht haben.
Aber wie kann ich einen bleibenden Eindruck hinterlassen, wenn ich auf starke Reize verzichte?
Mir kam ein Wort in den Sinn:
Anschaulichkeit.
Den Wald in die Hände falten
Ich war diesmal nur für einen Urlaub in Taiwan und konnte deshalb keinen 3D-Drucker nutzen, um Unterrichtsmaterialien für das Klassenzimmer herzustellen.
Also griff ich eine alte Leidenschaft aus meiner Studienzeit wieder auf:
Origami.
Ich faltete Blätter, Früchte, kleine Tiere und andere Papierfiguren, die für den Wald und sein Ökosystem stehen konnten.
Sie waren nicht bloß Dekoration.
Im Unterricht sollten sie zu sichtbaren, greifbaren und einprägsamen Hinweisen werden. Sie sollten den Kindern helfen, den eher abstrakten Prozess der Wiederbewaldung aus der Geschichte in konkrete Bilder zu übersetzen.
Wenn der Wald nicht nur als Illustration auf einer Buchseite erscheint, sondern Stück für Stück vor den Kindern aufgebaut werden kann, verstehen sie vielleicht leichter:
Ein Wald entsteht langsam, aus vielen kleinen Lebewesen und Bestandteilen.
Mein zweiter Besuch im Klassenzimmer
Als ich zum zweiten Mal ein Klassenzimmer betrat, konnte ich nicht nur die Erkenntnisse aus dem ersten Versuch in den Unterricht einfließen lassen. Ich bekam auch die Gelegenheit, die Geschichte jüngeren Kindern zu erzählen.
An diesem Tag kam noch etwas Interessantes hinzu.
Es regnete in Strömen.
Und handelt das Bilderbuch nicht genau davon, was passieren kann, wenn heftiger Regen auf einen Hang trifft, dessen Boden nicht ausreichend geschützt ist?
Das Wetter spielte mir also direkt in die Hände.
Ich führte die Stunde Schritt für Schritt so durch, wie ich sie zuvor im Kopf immer wieder geprobt hatte.
Als die Geschichte beim Starkregen ankam, zeigte ich nach draußen. Die Kinder sahen, wie es vor dem Fenster regnete.
In diesem Augenblick war der Regen aus der Geschichte nicht länger nur der Regen aus einer Geschichte.
Er war direkt vor dem Fenster.
Die Kinder konnten ihn sehen und hören.
Als die Geschichte greifbar wurde
Vielleicht lag es an den Papierfiguren, die den Wald anschaulicher machten. Jedenfalls beteiligten sich die Kinder diesmal sehr lebhaft am Unterricht.
Sie hörten nicht nur zu. Während ich Blätter, Früchte und kleine Tiere hervorholte, stellten sie sich vor, was im Wald gerade geschah.
Wiederbewaldung bestand nun nicht mehr nur aus dem Wort „Bäume pflanzen“. Sie ließ sich in Pflanzen, Boden, Wasser, Tiere und menschliche Arbeit auffächern. Dadurch schienen die Kinder besser zu spüren, wie viele Ebenen in diesem Prozess zusammenkommen.
Als ich nach dem Unterricht die Rückmeldebögen las, war die Begeisterung der Kinder deutlich zu erkennen.
Sie hatten nicht nur verstanden, warum die Wiederherstellung eines Waldes wichtig ist. Sie hatten auch begriffen, wie schwierig diese Arbeit sein kann.
Eine Antwort ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Ein Kind schrieb, dass es bereits die Patenschaft für einen Baum übernommen habe.
Für mich war diese Rückmeldung sehr wertvoll.
Sie zeigte mir, dass die Stunde mehr hinterlassen hatte als eine gemeinsame Erzählzeit. Die Geschichte hatte an Erfahrungen und Handlungen angeknüpft, die im Leben der Kinder bereits vorhanden waren.
Für eine Weile weg vom Bildschirm
Nach dem Unterricht kamen viele Kinder zu mir.
Sie wollten nicht nur über die Stunde sprechen. Sie fragten auch, ob ich ihnen Origami beibringen könne.
Darüber habe ich mich besonders gefreut.
Kinder wachsen heute schon sehr früh in eine Welt voller Bildschirme und digitaler Geräte hinein.
Ich bin nicht gegen diese Geräte. Narratelica selbst umfasst eine App, audiovisuelle Inhalte und digitale Werkzeuge.
Wenn mein Unterricht aber in einem Kind Interesse an einem stillen, rein handwerklichen und manchmal sogar ein wenig monotonen Tun wecken kann, empfinde ich das als Ehre. Für eine Weile verlässt es den Bildschirm, arbeitet mit den Händen und versucht, aus einem flachen Blatt Papier langsam eine räumliche Form entstehen zu lassen.
Für mich hat das etwas mit Nachhaltigkeitsbildung gemeinsam.
Beides braucht Geduld.
Und beides beruht auf dem Vertrauen, dass viele kleine Handlungen mit der Zeit etwas Bedeutungsvolles hervorbringen können.
Vom Klassenzimmer zurück in die Zusammenarbeit
Nach diesem zweiten Unterrichtsversuch besprach ich meine Erfahrungen aus beiden Stunden und die Origami-Arbeiten mit meiner Beraterin für Rukai-Sprache und -Kultur.
Dieser Austausch war mir wichtig.
Denn dieses Bilderbuch war von Anfang an kein Werk, das ich allein geschaffen habe.
Der Inhalt der Geschichte, die Details der Wiederbewaldung, die kulturelle Perspektive und der Einsatz der verschiedenen Sprachfassungen mussten zwischen uns immer wieder besprochen, überarbeitet und bestätigt werden.
Weil wir unsere Gedanken, Beobachtungen und Erfahrungen aus der Praxis so offen miteinander teilten, wurde das spätere Geschichtenerzählen in den Bergen zu einem besonders lebendigen Erlebnis.
Möchtet ihr wissen, was wir dort gemacht haben?
Davon erzähle ich im nächsten Teil.