Der Anfang der Geschichte
Narratelica, die Hauptmarke von Narrovosoft, ist mehr als eine App, in der Kinder die Geschichten hören können, die sie gerade hören möchten. Zum selben Projekt gehören auch ein YouTube-Kanal, Bilderbücher und Unterrichtsmaterialien.
Eine der wichtigsten Aufgaben von Narratelica besteht darin, wissenschaftliche Themen und Fragen der Nachhaltigkeit so in Geschichten zu übertragen, dass Kinder sie verstehen und gerne weiterhören.
Als ich nach Stoffen für unsere Nachhaltigkeitsreihe suchte, musste ich plötzlich an eine langjährige Freundin denken. Sie engagiert sich seit vielen Jahren für die Wiederherstellung von Bergwäldern im Süden Taiwans.
Ich sichtete öffentlich zugängliche Quellen im Internet und erinnerte mich an frühere Gespräche mit ihr. Daraus entstand die erste Fassung des Bilderbuchs.
Als ich ihr den Entwurf zeigte, fragte sie mich:
„Darf ich diese Geschichte ins Rukai übersetzen?“
Ich antwortete:
„Ich möchte nicht, dass du nur die Übersetzung übernimmst. Ich möchte, dass du dieses Buch als Beraterin für Rukai-Sprache und -Kultur begleitest.“
Ich wollte wissen, wie Menschen der Rukai diese Geschichte aus ihrer eigenen sprachlichen und kulturellen Perspektive erzählen würden. Außerdem sollte sie mir helfen zu prüfen, ob die beschriebene Methode der Wiederbewaldung stimmte und ob Landschaft, Pflanzen, Figuren und alltägliche Details der Wirklichkeit entsprachen.
So nahm das Bilderbuch langsam Gestalt an.
Wir führten viele Gespräche online. Während meines Aufenthalts in Taiwan trafen wir uns auch mehrmals persönlich. Gemeinsam sahen wir uns zahlreiche Fotos und weitere Quellen an und prüften die Einzelheiten der Geschichte und der Bilder. Auf Grundlage dieser Materialien und unserer wiederholten Korrekturen entstanden die Illustrationen mit Unterstützung von KI-Werkzeugen.
Vier Sprachen, unterschiedliche Lernziele
Für dieses Buch gibt es nicht nur eine einzige festgelegte zweisprachige Ausgabe.
Ausgehend von Chinesisch, Englisch, Deutsch und Rukai planen wir verschiedene Sprachkombinationen für unterschiedliche Regionen, Lesergruppen und Lernbedürfnisse.
Die Fassungen mit Rukai richten sich an Menschen, die Rukai lernen oder mehr über die Sprache, die Kultur und die indigenen Sprachen Taiwans erfahren möchten. Sie sollen nicht nur eine übersetzte Geschichte lesen. Sie sollen auch sehen können, wie Menschen der Rukai in ihrer eigenen Sprache über den Wald, das Land und die Wiederherstellung der Landschaft sprechen.
Die Kombinationen aus Chinesisch, Englisch und Deutsch können in verschiedenen Sprachlernumgebungen eingesetzt werden. Dieselbe Geschichte bietet, je nach Erst- und Zielsprache der Lernenden, unterschiedliche Möglichkeiten des Lesens und Hörens.
Zusätzlich entwickeln wir begleitende Unterrichtsmaterialien für das Bilderbuch. Später möchten wir darauf aufbauend auch Fortbildungen für Lehrkräfte anbieten.
Lehrkräfte können mit diesen Geschichten nicht nur Sprachen vermitteln. Über dieselbe Erzählung können Kinder zugleich etwas über Bergwälder, Ökosysteme und Nachhaltigkeit lernen.
Vom Bilderbuch in den Unterricht
Bevor ich für mein weiteres Studium ins Ausland ging, absolvierte ich in Taiwan Teile einer pädagogischen Ausbildung.
Seitdem bin ich überzeugt, dass ein Unterrichtsmaterial nicht allein in den Augen seiner Gestalterin vollständig sein darf. Es muss in ein echtes Klassenzimmer gelangen und sich dort den Kindern und Lehrkräften stellen.
Deshalb nutzte ich meinen Aufenthalt in Taiwan, um mit dem Bilderbuch und den noch im Aufbau befindlichen Materialien eine erste Schule zu besuchen und selbst eine Unterrichtsstunde zu halten.
Zum ersten Mal stand ich vor einer Gruppe von Kindern und erzählte ihnen eine Geschichte aus meinem eigenen Bilderbuch.
In diese Grundschulklasse brachte ich nicht die Rukai-Fassung mit, sondern die chinesisch-englische Version.
Sie verfolgte zwei Lernziele.
Erstens sollte die Verbindung aus Geschichte, Bildern und interaktiven Fragen ein möglichst intensives Hörerlebnis in einer Sprache schaffen. Je nach Lernsituation konnte Chinesisch oder Englisch die Hauptsprache sein. Die jeweils andere Sprache diente als Stütze, um die Geschichte zu erschließen und das Verstandene zu überprüfen.
Zweitens stellte die Geschichte eine konkrete Methode zur Wiederherstellung eines Bergwaldes vor. Das Sprachenlernen sollte nicht bei Vokabeln und Satzmustern stehen bleiben, sondern zugleich neues Wissen tragen.
Der chinesische Text des Bilderbuchs war ursprünglich für Kinder ab etwa fünf Jahren geschrieben. Im taiwanischen Schulalltag ist Englisch jedoch keine Sprache, die die meisten Kinder täglich verwenden. Selbst ältere Kinder brauchen daher eine passende Begleitung, um nach und nach in eine vollständige englische Geschichte hineinzufinden.
Ich erwartete also nicht, dass sie von Anfang an jeden englischen Satz verstehen. Stattdessen entwickelte ich eine Form des interaktiven Vorlesens, bei der Bilder, Stimme und Handlung als Hinweise dienten.
Ich las zuerst auf Englisch vor. Anschließend bat ich die Kinder, aus den Bildern und dem Verlauf der Geschichte auf die chinesische Bedeutung zu schließen. Sie durften auch englische Wörter nennen, die sie herausgehört hatten.
Kinder müssen nicht jedes einzelne Wort kennen, bevor sie an einer Geschichte teilnehmen können.
Sie können zunächst beobachten, zuhören und Vermutungen äußern. Im weiteren Verlauf prüfen sie dann Schritt für Schritt, ob ihr Verständnis stimmt. Auf diese Weise wird englisches Hörverstehen mehr als die Suche nach einer richtigen Antwort. Es wird zu einem Teil des Erzählens.
Was wissen Kinder bereits?
Im Unterricht wollte ich möglichst wenig einseitig vortragen. Stattdessen lud ich die Kinder mit einer Reihe von Fragen dazu ein, die Bilder genau anzusehen, den Fortgang der Handlung zu erraten und ihre eigenen Gedanken auszusprechen.
Eine dieser Fragen lautete:
„Was könnte passieren, wenn es im Bergwald immer weniger Bäume gibt?“
Die Kinder reagierten lebhafter, als ich erwartet hatte.
Ein Kind sagte, die Tiere würden ihren Lebensraum verlieren. Ein anderes dachte an schlechtere Luft. Wieder ein anderes erwähnte, dass Regen den Boden fortspülen könnte.
Ein Gedanke ergänzte den nächsten. Zusammengenommen beschrieben ihre Antworten bereits erstaunlich genau, welche Folgen das Verschwinden eines Waldes haben kann.
Das überraschte und freute mich. Die Kinder hatten offenbar schon viel Wissen über Wälder und Umwelt gesammelt.
Dann fragte ich weiter:
„Wenn die Bäume am Berghang verschwunden sind, wie können wir dafür sorgen, dass dort wieder ein Wald wächst?“
Darauf fanden sie deutlich weniger Antworten.
Sie wussten sehr genau, welche Probleme der Verlust eines Waldes verursacht. Aber wie die Wiederherstellung eines Bergwaldes praktisch funktioniert, war ihnen weniger vertraut.
Diese Beobachtung wurde zu einer der wichtigsten Erkenntnisse meines ersten Unterrichtsversuchs.
Aus Büchern, Unterricht und Alltag wissen Kinder womöglich bereits viel über die Folgen von Umweltzerstörung. Doch wie Menschen beschädigte Landschaften wiederherstellen und aus welchen einzelnen Schritten ein solches Vorhaben besteht, bleibt oft abstrakt.
Genau hier kann diese Geschichte weiterwirken.
Nach dem ersten Unterrichtsversuch
Am Ende der Stunde hatten die Kinder ihr englisches Hörverstehen geübt und eine konkrete Methode zur Wiederherstellung eines Bergwaldes kennengelernt.
Für mich war diese Erfahrung mehr als eine abgeschlossene Vorlesestunde. Zum ersten Mal konnte ich wirklich prüfen, ob dieses Bilderbuch als Unterrichtswerkzeug funktioniert.
Können die Kinder der Geschichte folgen?
Können sie aus Bildern, Stimme und Handlung Bedeutung aufbauen, auch wenn sie nicht jedes englische Wort verstehen?
Welche Fragen bringen ein Gespräch in Gang?
Welche Gedanken bleiben noch zu abstrakt?
Lassen sich das Sprachenlernen und das Wissen über Nachhaltigkeit in dieser Geschichte tatsächlich miteinander verbinden?
Antworten auf solche Fragen entstehen erst, wenn ein Material das echte Klassenzimmer betritt.
Der Versuch zeigte mir auch deutlicher, dass verschiedene Sprachfassungen unterschiedliche Aufgaben übernehmen können.
Eine Ausgabe mit Rukai kann einen Zugang zur Sprache, zu kulturellen Perspektiven und zu lokalem Wissen eröffnen.
Wenn die chinesisch-englische Fassung in eine taiwanische Grundschule kommt, kann sie dagegen ein Hörerlebnis schaffen, das von einer Geschichte getragen wird. Gleichzeitig lernen die Kinder, wie die Wiederherstellung eines Bergwaldes konkret abläuft.
Ein Buch wird also nicht einfach nur in mehrere Sprachen übersetzt.
Je nach Sprachkombination, Lernort und Lerngruppe kann es zu einem anderen Lernwerkzeug werden.
Nach dem Unterricht stellte ich mir deshalb eine neue Frage:
Was wäre, wenn wir den Kindern nicht nur durch eine Geschichte erklären, warum die Wiederherstellung von Bergwäldern wichtig ist? Was wäre, wenn sie sehen, spüren oder sogar mit den eigenen Händen begreifen könnten, wie ein Wald entsteht und wie er wieder verschwinden kann?
Kurz darauf bekam ich die Gelegenheit, eine zweite Schule zu besuchen.
Diesmal wollte ich etwas verändern.