Am Ende des letzten Beitrags habe ich etwas angekündigt, ohne es schon zu verraten.
Nach meinem zweiten Unterrichtsversuch nahm ich meine Erfahrungen, die Rückmeldungen der Kinder und die Origami-Arbeiten aus dem Unterricht mit in das nächste Gespräch mit meiner Beraterin für Rukai-Sprache und -Kultur.
Dann trafen wir eine Entscheidung.
Diese Geschichte war aus dem Wissen der Gemeinschaft und ihren Erfahrungen mit dem Bergwald entstanden. Nun war es an der Zeit, sie dorthin zurückzubringen, wo sie gewachsen war.
Eine Geschichte sollte dorthin zurückkehren, wo sie entstanden ist
Als ich noch in Deutschland war, hatten meine Freundin und ich uns mehrmals online ausgetauscht.
Nach meiner Rückkehr nach Taiwan saßen wir wieder zusammen und gingen jedes Bild des Bilderbuchs durch. Stimmten die Pflanzen? Wirkte die Umgebung vertraut? Passte das Verhältnis zwischen den Figuren und dem Wald? Wir prüften ein Detail nach dem anderen.
Ich hatte die Geschichte zwar aufgeschrieben, doch sie war nicht allein meiner Vorstellung entsprungen.
Die Methode der Wiederbewaldung, die Pflanzen, die Erfahrungen mit dem Land und die kulturelle Perspektive stammten aus dem Wissen, das meine Freundin über viele Jahre gesammelt hatte. Sie entstanden aus der Beziehung zwischen den Rukai und diesem Bergwald.
Wenn die Geschichte von hier genommen hatte, sollte sie auch hierher zurückkehren.
Also machten wir uns tatsächlich auf den Weg in die Berge, in eine Gemeinschaft der Rukai. Im Haus des traditionellen Oberhaupts wollten wir:
eine Geschichte erzählen!
Diesmal waren die beiden Sprachen Rukai und Chinesisch
Nach den beiden vorangegangenen Unterrichtsversuchen war mir die Geschichte bereits sehr vertraut.
Ich wusste inzwischen, an welchen Stellen sich eine Frage anbot, welche Bilder die Kinder zunächst selbst betrachten konnten und welche Hintergrundinformationen ich ergänzen musste. Langsam hatte ich Übung darin.
Doch diese Veranstaltung war anders.
Die beiden Sprachen waren diesmal nicht Chinesisch und Englisch.
Es waren Rukai und Chinesisch.
Zum ersten Mal erzählten wir eine Geschichte der Rukai wirklich in der Sprache der Rukai.
Ich war aufgeregt und empfand es als große Ehre.
Eine Freundin, die ich seit vielen Jahren kenne, hatte mir ihre Geschichte anvertraut. Sie war bereit gewesen, viel Zeit in unsere Gespräche zu investieren und die Geschichte mit großer Sorgfalt auf Rukai aufzuschreiben.
Das war mehr, als einen chinesischen Text in eine andere Sprache zu übertragen.
Als die Geschichte auf Rukai erzählt wurde, fanden auch der Wald, das Land und die Pflanzen in eine andere sprachliche Erfahrungswelt zurück. Die Kinder hörten nicht nur, was geschah. Sie hörten auch, wie ihre eigene Sprache die Welt beschreibt, die ihnen vertraut ist.
Ich dachte, ich käme zum Geschichtenerzählen
Die Veranstaltung lag in den Händen meiner Freundin. Ich unterstützte sie, wo ich konnte.
Wir erzählten nicht nur die Geschichte. Wir kamen mit den Kindern ins Gespräch und übten mit ihnen, die Pflanzen in den Bergen genauer zu betrachten.
Die Pflanzen aus dem Buch waren nun keine bloßen Illustrationen mehr.
Sie wuchsen in der Umgebung, in der die Kinder lebten. Am Berghang, am Wegesrand, vielleicht auch an Orten, an denen sie jeden Tag vorbeikamen, ohne bisher genauer hinzusehen.
Natürlich hatte ich auch mein Origami mitgebracht.
Ich zeigte den Kindern, wie auf dem Papier eine Bergfalte nach der anderen und eine Talfalte nach der anderen entsteht. Unter ihren Fingern wurde das Papier gedreht und glattgestrichen, bis daraus ein stimmungsvolles kleines Werk wurde.
Es sah nicht nur schön aus. Man konnte auch damit spielen.
Nachdem die Kinder die Geschichte gehört hatten, betrachteten sie die Pflanzen um sich herum und spielten mit ihrem Origami. In diesem Augenblick hatte ich das Gefühl, dass die Geschichte wirklich lebendig geworden war. Sie existierte nicht länger nur in einem Buch. Sie war in die wirkliche Welt vor den Augen der Kinder getreten.
Obwohl ich mit einer Geschichte und einer Unterrichtsidee in die Berge gekommen war, fühlte ich mich an diesem Tag immer mehr wie eine Lernende.
Zuerst hatte ich meiner Freundin zugehört, als sie von der Wiederbewaldung erzählte. Später hatten wir die Geschichte gemeinsam überarbeitet. Nun stand ich tatsächlich in der Landschaft, aus der sie hervorgegangen war. Langsam verstand ich, wie viele Menschen in Taiwan auf ihre eigene Weise daran arbeiten, ihr Wissen an die nächste Generation weiterzugeben.
Manches Wissen wird in Büchern festgehalten.
Manches lebt in einer Sprache.
Und manches versteht man erst, wenn man selbst in die Berge geht.
Menschen, die meine verrückten Ideen mittragen
Nach der Veranstaltung berührte mich noch etwas anderes.
Meine Familie stand hinter all diesen Unternehmungen, die von außen vielleicht ein wenig verrückt wirken.
Man stelle sich das vor: Ein gerade erst gegründetes Unternehmen weiß noch nicht einmal, wo seine Kundinnen und Kunden sind, und beschließt trotzdem, Zeit und Kraft in ein solches Bilderbuch zu stecken.
Nach einer besonders nüchternen Geschäftsentscheidung klingt das nicht.
Doch meine Familie stellte nicht viele Fragen.
Ihre Antwort war schlicht:
Wir stehen hinter dir.
Auch mein Mann nahm an der Veranstaltung teil.
Er kommt aus Europa und spricht weder Chinesisch noch Rukai. Von der Geschichte und den Gesprächen an diesem Tag konnte er also nur sehr wenig unmittelbar verstehen.
Trotzdem sagte er mir, wie schön die Atmosphäre gewesen sei.
Als die Veranstaltung vorbei war, sah ich sogar, dass seine Augen feucht geworden waren.
Es hatte ihn tief berührt.
Dieser Augenblick kam mir wunderbar seltsam vor. Man muss offenbar nicht jeden Satz verstehen, um zu spüren, dass Menschen gerade mit großer Ernsthaftigkeit etwas Wertvolles an die nächste Generation weitergeben.
Sprache trägt Geschichten.
Doch manchmal können auch Aufmerksamkeit, Vertrauen und Gefühle über die Grenzen der Sprache hinweg gehört werden.
Die Geschichte ist zurückgekehrt, und die Reise beginnt erst
So ging unser Tag des Geschichtenerzählens in den Bergen zu Ende.
Die Geschichte hatte ihren Ausgang im Wald genommen. Nach vielen Gesprächen, Überarbeitungen und Unterrichtsversuchen kehrte sie schließlich auf Rukai und Chinesisch in die Gemeinschaft zurück und wurde dort erzählt.
Für mich war das nicht nur eine gelungene Veranstaltung und auch nicht bloß ein weiterer Unterrichtsversuch für das Bilderbuch.
Es fühlte sich an, als hätte die Geschichte einen ganzen Weg zurückgelegt.
Sie hatte aus diesem Land geschöpft, war in einem Buch festgehalten worden und kehrte nun zu diesem Land zurück, wo Kinder sie hören konnten.
Aber das war kein Endpunkt.
Erst wenn eine Geschichte an den Ort zurückkehrt, an dem sie gewachsen ist, beginnen wir zu erkennen, wohin sie als Nächstes gehen kann.
Dieser Tag fand also einen schönen Abschluss.
Und zugleich war er erst der Anfang.